Chor und Orgel Forum

| Weihnachtliche Orgelmusik

Neu: Weihnachtliche Orgelmusik

 

Mit schönem Regelmaß pflegen die Verlage nach der Sommerpause neue Sammlungen mit Weihnachtsmusik auf den Markt zu bringen. Anno 2007 habe ich meinen Fundus mit drei dieser Anthologien aufgestockt:

 

„Pastorella“ heißt ein neuer Sammelband aus dem Strube-Verlag (Strube Edition 3287). Karl-Peter Chilla, Herausgeber anderer Strube-Sammlungen, hat ein recht farbenfrohes Kaleidoskop weihnachtlicher Musik aus Barock, Klassik (!) und Romantik zusammengetragen, z. T. natürlich „alte Bekannte“ wie die allfälligen Pastorellen von Joh. Valentin Rathgeber oder Marianus Königsberger, die in meinen Lehrjahren als spektakuläre Neuentdeckungen galten. Was die Sammlung wertvoll und reizvoll macht, sind einige Petitessen von Boellmann und Guilmant, die eher dem Harmonium als der Orgel zugedacht waren und daher auf fast jeder Orgel gut klingen, vor allem aber auf den Dorforgeln der Romantik, die dem „Bildersturm“ der Orgelbewegung oder der „Zwangsbarockisierung“ entgangen sind. Eine Pastorale des bajuwarischen Mozart-Zeitgenossen Theodor Grünberger sorgt (mit 4’-Flöte solo und Tremulant) sicher für Aufhorchen, wiewohl diese Musik in den Ohren meiner strengen Lehrer wohl als Inbegriff des „Unorgelmäßigen“ gegolten hätte (sozusagen die „NGL“ des ausgehenden 18. Jh.). Das Heft enthält nicht nur „Pastorales“. Mit César Francks F-Dur-Sortie aus „L’organiste Vol.1“ (und frisch gestimmten Zungen) lässt sich so manche Christvesper stilvoll eröffnen oder beschließen. Dem langsamen Satz aus Rheinbergers a-moll-Sonate hat der Herausgeber den agitato-Mittelteil genommen und so ist eine in sich geschlossene Kantilene für eine Solo-Oboe oder Flöte entstanden, umgarnt von Streicherei oder Flöterei. Insgesamt bietet das Heft auf 58 Seiten 23 Stücke, keines davon ist richtig schwer, vieles leicht bis sehr leicht, Johann Georg Herzogs „Adventssonate“ würde ich in jeder C-Prüfung als würdiges „Gesellenstück“ durchgehen lassen.

„Pastoralen in der Orgelmusik“ heißt das Gegenstück zu dieser Sammlung bei Butz (BU 2000). Und das Heft ist schlichtweg ein Geniestreich! Die Herausgeber Andreas Willscher und Hans-Peter Bähr haben abseits ausgetretener Pfade gesucht und dabei einen ganzen Korb origineller Raritäten gefunden. Alles ist mit wenig Aufwand spielbar, alles klingt pastoral-stimmungsvoll. Und obwohl das meiste aus dem romantischen Stilkreis stammt, sind die 34 Stücke nicht an einen spezifischen Orgeltypus gebunden. Die Druckbilder sind sehr gut geraten (ältere Butz-Ausgaben hatten da so ihre Schwächen) und die Herausgeber haben sich mit sorgfältig ausgetüftelter Seitenverteilung und spielerfreundlichen Wendestellen als gewiefte Praktikusse geoutet. Wie immer bei Butz stimmt auch das Preis-Leistungsverhältnis. Man kriegt viel gute Musik für relativ wenig Geld. Wer seinen Fundus an Weihnachtsliteratur vorerst nur um einen Band aufstocken will, dem rate ich zu diesem 80seitigen Heft. Die Bezeichnung „Heft 1“ legt den Schluss nahe, dass die Herausgeber noch ein paar Raritäten in petto haben. Einem „Heft 2“ sehe ich mit Vorfreude entgegen.

Die kitschige rote Schleife auf dem Cover kann nicht lange darüber hinwegtäuschen, dass auch die „Orgelmusik zur Weihnachtszeit“ aus dem Hause Bärenreiter (BA 8495) die Anschaffung lohnt. Herausgeber ist Andreas Rockstroh – und das verspricht (und hält) mit Sorgfalt ausgewählte Raritäten aus der Romantik. Die knapp 100 Seiten bieten (nach Advent und Weihnachten gegliedert) choralgebundene und freie Vor- und Nachspielliteratur – eine ideale Ergänzung zu Pastorale-Heften. Einiges davon muss man schon etwas intensiver üben, wie Max Gulbins’ heftig „regernden“ „Feierlichen Marsch“ über „Tochter Zion, freue dich“ oder A.J. Monars „Fantasie“ über „Es ist ein Ros entsprungen“. Das meiste aber geht leicht von der Hand und alles klingt auf einer etwas fülligeren Orgel sehr stimmig. Notensatz, Bindung, Druck- und Papierqualität wie immer Kategorie 1A.

Anton Josef Monar, weiland Bonner Münsterorganist, hat um die Jahrhundertwende ein „Weihnachts-Album – eine Sammlung von 50 neuen Originalkompositionen“ herausgegeben. Seit einiger Zeit gibt es diese Sammlung als Reprint in zwei Bänden bei Butz (BU 1181 und 1182). (Leider sind die alten Notenbilder recht hakelig zu lesen. Einer gelegentlichen Neuauflage täte es durchaus gut, die Stücke neu zu setzen.) Ein alter Freund und Kollege (der noch die Orginalbände von anno dunnemals besitzt) hat mir geraten, mal reinzugucken – und ich habe es nicht bereut. Der überwiegende Teil der Stücke stammt von Monar selber, bei den anderen Autoren – Plag, Piel, Zoller, Sattler u.a. – handelt es sich überwiegend um Organisten der Spätromantik aus dem Rheinland. Ihre Arbeiten vereinen sehr viel Klangsinn mit hoher satztechnischer Qualität. Der Schwierigkeitsgrad beginnt leicht über dem vierstimmigen Choralbuchsatz. Allerdings können sich einige Arbeiten durchaus mit den technisch anspruchsvolleren Bearbeitungen aus Regers CVS op. 67 messen. Ein sauberes Legatospiel als Grundanschlag erfordern sie allesamt.

Ein sensibler Maler weihnachtlicher Stimmungsbilder war Carl Sattler. Ein im kath. Rheinland verbreitetes – und m. E. melodisch sehr schönes – Weihnachtslied bildet die Vorlage zu seinen Choralvariationen über „Menschen, die ihr wart verloren“, op. 22,2 erschienen bei Tonger (PJT 1858). Die hymnisch breite Introduktion arbeitet mit breiter Dynamik, die sinnvollerweise auf einen größeren Registerfundus und mehrere Manuale zurückgreifen kann (S. amtierte an einer spätromantischen Viermanualigen aus dem Hause Seifert). Zwei c.f.-Durchführungen in Tenor mit erst ruhig fließenden, dann triolisch bewegteren Kontrapunkten zeigen S. als souveränen Kontrapunktiker, eine Überleitung in „Sphärenharmonien“ mündet in eine knappe Fuge, die sich zu monumentaler Akkordik verdichtet. Das Stück erfordert schon etwas Übefleiß, zudem eine bis ins kleinste Detail ausgefeilte, schattierungsreiche Klangregie inklusive Schweller und /oder Walze – und am besten eine grundstimmenreiche Orgel mit großem Schwellwerk und satten Zungen zum Nachlegen.

Sattlers op. 22,1 (ebenfalls Tonger, PJT 3008-1) ist eine weihevolle Pastorale, der „Josef lieber Josef mein“ und „Stille Nacht“ zugrunde liegen. Das Stück ist eigentlich nicht schwer, aber es pendelt zwischen der „Christbaumtonart“ E-Dur und samtweichem As-Dur, erfordert also sorgfältiges Erkunden vieler Vorzeichenfallen. Und die dreistimmigen Sextakkordgänge in jeweils einer Hand hat sich der Meister strengst legato gedacht. Da kommt die alte Organistentugend des stummen Fingerwechsels wieder zu Ehren. Sattlers vollgriffiger Stil reizt zur Klangschwelgerei in satten 8’- und 4’-Schattierungen

Meine Entdeckung im Herbst 2007: „Improvisations for the Christmas Season“ von Paul Manz. Bei Wikipedia habe ich folgendes über den mir bis dato unbekannten Komponisten gefunden:
“Paul Manz born 1919, is an American composer for choir and organ. His most famous organ works are his volumes of neo-Baroque chorale preludes and partitas. Paul Manz has long served the church as recitalist, composer, teacher and leader in worship. He is Cantor Emeritus at the Evangelical Lutheran Church of Saint Luke, Chicago, Illinois; as well as Cantor Emeritus of Mount Olive Lutheran Church in Minneapolis, Minnesota.”
Dass Manz’ Improvisationsstil von barocken Form- und Klangvorstellungen geprägt ist, belegen die beiden Hefte, die ich mir besorgt habe. Das ist sauberstes Organistenhandwerk, gut zu spielen und schön zu hören, dabei keine bloßen Stilkopien, sondern durchaus originell und mit viel Klangsinn gearbeitet. Ein paar Härten sind der formalen Konsequenz verschuldet. In vielem erinnert mich Manz’ polyphon-koloristischer Stil an Flor Peeters. Einige Choräle (z.B. „Wachet auf, ruft uns die Stimme“) liegen in mehreren Bearbeitungen vor und sind daher „partitentauglich“. Erschienen sind die Hefte im Verlag „Morning Star Music Puiblishers“, „Set 1“ unter MSN 10-100, „Set 2“ unter MSN 10-101. Es gibt auch ein „Set 3“. Das gab aber mein Etat nicht mehr her – und für einen Nachtragshaushalt fand sich keine Mehrheit im Familienparlament…
Denn jetzt kommt das dicke Ende: Die Hefte haben je 24 Seiten und kosten um die 25 Euro pro Stück. In den USA kosten sie pro Ex. 13 Dollar! Offenbar werden sie einzeln über den großen Teich gerudert …

Erheblich preiswerter und nicht minder praxistauglich sind die „Zwölf Choralvorspiele zu Advents- und Weihnachtsliedern“ von Franz Reithmeier. Der Komponist hat eine deutliche Vorliebe für Trios mit Tenor-cantus-firmus. Er schreibt formsichere Stilkopien in barocker oder romantischer Klagsprache. „Ave Maria zart“, eine ätherisch schwebende Meditation, ginge in einem „Incerta-Anhang“ zu Regers op. 67 durch, „Es ist ein Ros’ entsprungen“ könnte auch in Maxl’s op. 135 b stehen. Die anderen 10 Arbeiten sind gediegenes, von Spielfreude beherrschtes kontrapunktisches Handwerk. Schöne Arbeiten zum spielen, schöne Vorlagen zum nachmachen. Ach ja: gibt’s im Jubilate-Verlag Eichstätt als RM 1015.


Wer es ganz einfach haben will, dem sei der fränkische Barockkomponist Valentin Rathgeber (1682 - 1750, also Bach-Zeitgenosse) ans Herz gelegt. Ich besitze zwei Hefte:
„Pastorellen für die Weihnachtszeit“, erschienen bei Butz, St. Augustin. Meine Ausgabe - mindestens 35 Jahre alt - hat die Verlagsnummer 250. Die ist möglicherweise nicht mehr aktuell, da Butz-Bestellnummern heute vierstellig sind. Aber ich weiß, daß das Heft ist noch im Programm ist. Und das aus gutem Grund. Denn Rathgebers kleine Stücke - allesamt manualiter machbar, doch mit Pedal wesentlich „pompichter“ - sind wirklich charmante Orgelmusik, die man auf jedem Instrument irgendwie gut zum Klingen bringen kann. Natürlich bieten eine „trillerfreudige“ Mechanik und ein Registerfundus in der Ästhetik des südd. Barock die idealen Voraussetzungen zur Wiedergabe. Der Schwierigkeitsgrad liegt deutlich unter dem einer Klaviersonatine. Aus den acht Stücken lassen sich auch - abwechslungsreich zu registrierende - Zyklen zusammenstellen. Ich habe mir z.B. aus den Nummern 1 (F-Dur), 7 (d-Moll) und 8 (F-Dur) eine „Alternative“ zu Bachs „Pastorale“ zusammengebastelt.

Es gibt übrigens bei Butz auch einen Band II (BU 1345), den ich nicht habe, dafür aber besitze ich die „Weihnachts-Pastorellen“ von Rathgeber aus der Edition Peters (Nr. 8087), hg. von Traugott Fedtke. Für diese zwölf Stücke gilt das oben gesagte uneingeschränkt. Zum Butz-Heft gibt es nur eine Doublette, ansonsten sind in diesem Band die Kreuztonarten bevorzugt, während bei Butz die weicheren „Pastoraltonarten“ dominieren.

Bei Coppenrath, Altötting, gibt es eine Reihe „Süddeutsche Weihnachtsmusik“. Der Band 13 trägt den Titel „Pastoralmusik bayerischer Komponisten des 18. Jh.“ Die Opera der Herren Theodor Grünberger, Joh. Anton Kobrich, Marian Königsperger, Gregor Schreyer, Justinus Will und Ludwig Zöschinger sind allesamt im „galanten“ Rokoko-Stil der Mozart-Zeit geschrieben. Sie decken also eine Epoche ab, in der wenig Repräsentatives für Orgel geschrieben wurde. In einschlägigen Konzerten habe ich gern ein oder zwei dieser Sachen als Vertreter der Klassik ins Programm genommen. Die Maestri waren durchweg Klosterorganisten und schreiben einen schlichten, anmutigen Stil, der den Hörer unmittelbar anspricht. Auch diese Stücke stellen technisch äußerst moderate Anforderungen. Wer einen vierstimmigen Satz aus dem Choralbuch spielen kann, kriegt das auch ordentlich hin. Einige Kabinettstückchen leben allerdings von einem spritzigen Tempo. Auch hier genügt eine bescheidene Orgel, wenn sie nur schöne Flöten 8’ und 4’ mit einem glitzernden Prinzipal 2’ darüber hat.

Die romantischen Pendants zu diesen Stücken bietet Heft 7 der Coppenrath-Reihe, „Pastoralmusik für Orgel aus dem 19. Jh.“. Auch da tauchen Namen aus der Zweit- und Drittbesetzung auf (Aiblinger, Führer, Pitsch, Schiedermayr), was kein Urteil über deren kompositorische Fähigkeiten beinhaltet. Immerhin war Simon Sechter der führende Wiener Kompositionslehrer, u.a. der Lehrer Anton Bruckners. Diese Stücke sind nicht nur etwas länger als ihre klassischen Geschwister. Sie stellen auch geringfügig höhere Anforderungen ans Spielvermögen, ohne den Bereich der C-Kurs-Tauglichkeit zu verlassen. Sehr gelungen ist Robert Führers Präludium über „Freu dich, Erd und Sternenzelt“. Ich verwende es sehr gern als etwas ausführlicheres Choralvorspiel. Denn mit fröhlich hingetupften Staccato-Skalen und pianistischen Schüttelfiguren drückt Führer das „freu dich“ sehr nachvollziehbar aus.

„Süddeutsche Orgelmusik zur Weihnacht aus dem 16.-18. Jh.“ heißt ein von Rudolf Walter bei Coppenrath herausgegebenes Heft. Da gibt’s u.a. von Pachelbel die bekannte F-Dur-“Pastoral“-Toccata mit ihren hübschen Echopassagen und das Choralvorspiel über „Vom Himmel hoch“ (mit Pedal-c.f.), erfreulicherweise ins Gesangbuch-C-Dur transponiert und damit tauglich für den liturgischen Einsatz. Außerdem finden sich kleinere polyphone Sachen von Alessandro Poglietti, Joh. Caspar Ferd. Fischer und Franz Xaver Murschhauser (ein Münchener Domorganist des frühen 18. Jh.). Alles nicht sonderlich schwer, alles gut klingend. Der Pedalpart beschränkt sich überwiegend auf Orgelpunkte. Leichte Spielbarkeit ohne qualitative Abstriche war erkennbar das Editionskonzept. Und es ist durchaus aufgegangen.

Der langjährige Organist der Abtei Weingarten, P. Gregor Klaus, hat lebenslang in den Bibliotheken der südd. Klöster die Notennachlässe seiner komponierenden Amtsbrüder und Vorgänger durchstöbert. Aus einer Ottobeurener Handschrift von 1695 stammen die Variationszyklen, die Klaus unter dem Titel „Weihnachtliche Orgelmusik der Barockzeit“ bei Böhm & Sohn in Augsburg verlegt hat. Das Heft enthält vier Stücke von Anton Estendorffer und Georg Muffat, allesamt in Partitenform und wohl ausdrücklich dazu bestimmt, der versammelten Christmettengemeinde während längerer „liturgischer Geländespiele“ des Klerus die Klangfarben der vielmanualigen und registerreichen Abteiorgeln vorzuführen. Die Stücke gehen ebenfalls kaum über die „Schwierigkeiten“ des vierstimmigen Choralsatzes hinaus. Aber sie erfordern eine sorgfältig ausgetüftelte Klangregie. Dann aber ist die Wirkung - gemessen am Aufwand - eine enorme.
In der frz. Literatur hat die Komposition von Weihnachtsmusiken - sog. Noels - eine lange Tradition. Ihren Platz haben diese Stücke im kath. Gottesdienst Frankreichs übrigens als Musik zur Gabenbereitung (als „Offertoire“)..

Als Prototypen des Genres gelten die Noels von Louis-Claude Daquin. Die am leichtesten greifbare praktische Ausgabe stammt von Aléxandre Guilmant (Er hat sich schon vor mehr als 100 Jahren um die Neuedition von Barockmusik verdient gemacht - als das Barock noch als „Zopfzeitalter“ galt!) und ist erschienen bei Schott unter der Nummer ED 1875.
Der Untertitel „pour l’orgue et le clavecin“ sagt bereits aus, daß es sich überwiegend um - in Partiten-Form gegossene - manualiter-Literatur handelt. Das übersichtliche Notenbild täuscht. Zwar sind die Piècen nicht wirklich schwer zu spielen. Aber sie erfordern eine souveräne Beherrschung der diffizilen barock-französischen Ornamentik. Der deutsche „Reichseinheitstriller“ reicht nicht aus, um die Stücke lebendig und farbig zu gestalten. Auch um die typischen Spielgewohnheiten der Zeit und des Landes sollte der Interpret wissen (inegalié etc.). Außerdem muß die Orgel natürlich die vom Komponisten geforderten Farben hergeben. Sie ist also im Idealfall französisch (barock) inspiriert. Die mageren dt. Krummhörner sollte man in der l.H. mit einem 4’-Prinzipal verstärken und pseudo-neo-barocke „Meckertrompeten“ mit der 4’-Oktave des Hw „aufpolieren“. (Vorheriges Reinstimmen ist dringend anzuraten - sonst kommt man in den fragwürdigen Genuß einer „Trompetenschwebung 8’/4’“ - bei Nobelorgeln heißt das dann „tromba suspirans“).

Einen Tick besser gefallen mir persönlich die Noels von Jean-Francois Dandrieu. Sie sind zwar ähnlich gestrickt, haben die gleichen thematischen Vorlagen, aber ich finde sie durchweg origineller und technisch etwas fordernder - sonore Zungen und farbenreiche Aliquoten sind auch hier die halbe Miete. Es gibt sie in vier Heften (Heft 12, 16, 19 und 22) in der Reihe „L’organiste liturgique“ der „Editions musicales de la schola cantorum“, Paris. Dieser Verlag ist längst untergegangen, aber das Sortiment wurde m.W. von einem Schweizer Verlag übernommen. Meine Exemplare habe ich seinerzeit über „pro Organo“ in Leutkirch bezogen. Aber ich denke, daß auch andere Auslieferungen (z.B. mmz, Musia, Bodensee-Musikversand) sie besorgen können.

Eine komplette Orgelmesse über „Noel“-Themen gibt es von Aléxandre P.F. Boely. Ewald Kooiman hat sie als Heft 16 der Reihe „Incognita Organo“ bei „Harmonia Uitgave“ in Hilversum veröffentlicht. Boely weiß sich als Frühromantiker noch den barocken Formen verpflichtet, gießt in diese Formen aber schon viel romantische Harmonik und Würze. Der klassisch-französische Registerbestand genügt zur klangschönen Wiedergabe. Denn Boely kennt noch kein Schwellwerk (!!). Auch technisch sind die Stücke für nebenamtliche Organisten durchaus mit vertretbarem Aufwand an Übezeit zu machen. Und ein paar „Ohrwurm“-Themen enthalten sie allemal.

Die „Noel“-Kompositionen der frz. Hoch- und Spätromantiker kommen durchweg aus der konzertanten Tradition. Sie sind daher oft als Virtuosenliteratur konzipiert (Dupré!).
Aléxandre Guilmant geht indes in seinen beiden „Noel“-Bänden op. 60 bei Schott (ED 7346 und 7347) etwas auf Augenhöhe mit dem „Normalorganisten“. Das Ergebnis sind Zyklen von Stücken, die einfach bezaubernd klingen. Die Orgel muss nicht einmal „Cavaillé-Coll“ sein - oder das, was die Experten heute dafür halten. Es genügt, wenn sie tragfähige Grundstimmen, ein wirksames Schwellwerk mit einer schönen Oboe 8’ und eine Streicherschwebung hat. Aber Vorsicht - Guilmant kann seine Profession und Professionalität nicht leugnen. Bisweilen birgt das so harmlos aussehende Notenbild gut getarnte fuß- und fingersatztechnische Fallgruben. Also vorher das Terrain sorgfältig erkunden - sonst ist der Einbruch vorprogrammiert!

Ein Bonbon, mit dem ich mein Christvesper-Publikum anno 2004 „beglückt“ habe: die „Toccata im romantischen Stil über ‘Tochter Zion’“ des Zeitgenossen Willem van Twillert. Van Twillert hat eine faszinierende Stilkopie einer französisch-sinfonischen Toccata in der Traditionslinie Gigout - Boellmann - Dubois geschrieben. Gebrochene 16-tel-Figuration in der r.H., in die Spitzentöne das markante Händel-Thema eingearbeitet, in der l.H. skandierende Akkordschläge in Achteln, (zum Glück) eine ruhige, das Kopfmotiv imitierende Pedalbewegung, ein spannungsvoller Modulationsplan, ein etwas zurückgenommener Mittelteil, hymnischer Schluss und brillante Coda – der Maestro compositore hat alles aufgeboten, was das Genre hergibt. Herausgekommen ist eine sprühende weihnachtliche „Wunderkerze“. Allerdings muss man das Stück wirklich üben - die technischen Anforderungen entsprechen im Manualpart durchaus denen eines Allegrosatzes in Bachs Triosonaten. Hinzu kommt, dass beide Hände - wie in der frz. Sinfonik üblich - sehr hoch geführt werden. Also nur was für Leute mit sehr solider Basistechnik - wenn’s denn wirklich Freude machen soll. Vor der Reprise hat der Komponist dankenswerterweise eine Abbruchkadenz eingebaut. Aber wenn entsprechend feurig gespielt wird, hören die Leute gern bis zum Schluss zu. Erschienen ist das Werk bei Butz, St. Augustin, als BU 1891.

Butz hat überhaupt ein stattliches Sortiment mit origineller weihnachtlicher Orgelmusik. So z.B. ein Heft mit Kompositionen des Spätromantikers Carl Sattler, ein „Weihnachtsalbum für Orgel“, erschienen als BU 1819.
Sattler ist ein Meister der romantischen c.f.-Bearbeitung und hat ein feines Gespür für Stimmungen. Die fünf Stücke verarbeiten die Lieder „Ihr Hirten erwacht“ (2x), „Heiligste Nacht“, Adeste fideles“ und „Es ist ein Ros’ entsprungen“ - durchweg in Variationsform. Am gewichtigsten ist die „Adeste fideles“-Bearbeitung: Markige Introduktion im Stil Mendelssohns, vier c.f.-Durchführungen, Fuge im Kanzonentypus, hymnischer Schlußchoral mit durchgehender 16tel-Bewegung im Pedal. Sattler muss über eine exzellente Pedaltechnik verfügt haben. Als gelernter Dupré-Techniker habe ich ganz schön geschwitzt, bis ich die letzten 24 Takte im Ped. „legatissimo e prestissimo“ hingekriegt habe. Leider ist die Ausgangs- und Schlusstonart A-Dur. Ein Tönchen tiefer wäre der gottesdienstlichen Praxis entgegengekommen. (Eine Variation steht in F. Die habe ich dann - Notensatzprogramm „Finale“ sei Dank - in den Rechner gespielt, per Mausklick nach G transponiert und als Choralvorspiel verwendet.) Eine schöne und flüssig strömende Fuge beendet auch die vier Variationen über „Es ist ein Ros“ - leider in G! Zum Einspielen und Transponieren nach F war ich bisher zu faul.

In manchen kath. Gemeinden ist nur Weihnachten, wenn der Kirchenchor Joseph Schnabels „Transeamus usque Bethlehem“ gesungen hat. (Ein kath. Kollege hat mir mal erzählt, er müsse beim wundervollen Einleitungssolo der Männerstimmen seine Soprane immer mit strengem Blick fixieren, weil die sonst hörbar mitsummen.) Herbert Paulmichl hat just dieses Motiv zur Vorlage von sechs Orgelvariationen genommen. Herausgekommen ist eine in konventioneller polyphoner Tonsprache gehaltene Partita, die alle Qualitäten von Paulmichls Orgelstil trägt: Durchsichtigkeit, Wohlklang und relativ leichte Ausführbarkeit. Uns Lutherischen ist der Komponist entgegengekommen, indem er in die Ouvertüre und in die Schlußfuge „Vom Himmel hoch“ als Gegenthema eingeführt hat - eine heitere, festliche Spielmusik, mit deren einzelnen Teilen man einen kompletten Gottesdienst gestalten kann, ohne daß Langeweile aufkommt. Denn Paulmichl gewinnt dem Thema in jedem Satz einen neuen Ausdruck ab und stellt es in einen anderen kontrapunktischen Kontext. Das Stück eignet sich gut für weihnachtliche Konzerte. Die programmatischen Titel der einzelnen Teile sind dem Hörer sehr leicht zu vermitteln. Erschienen bei Butz, BU 1196.

Hermann Schroeder galt in meinen Orgelsäuglings-Jahren als der „moderne“ Orgelkomponist schlechthin (neben Ahrens, Pepping, Distler). Er war ein Studienfreund meines ersten Orgellehrers und ich habe ihn als Schüler öfter „live“ gehört. Und da wirkte seine Musik - auf einer entsprechend groß dimensionierten Orgel in einem halligen Raum - sehr apart. Schroeder war ein begnadeter liturgischer Improvisator. Die „zwölf Orgelchoräle“, erschienen bei Schwann/Peters als S 2360, wirken allesamt wie aufgeschriebene und ausgearbeitete Improvisationen im typischen Schroeder-Stil: konsequente Linearität ohne „gesuchte“ Dissonanz , dabei Vorliebe für Quartparallelen, ohne die Kantigkeit und Schroffheit, die manche seiner größeren Werke prägen. Bei aller Modernität bleibt hörbar Weihnachten. Ich habe z.B. bereits öfter das „Schlummerlied der Hirten“ mit Gedeckt 8’ und als Epistelmusik gespielt, ohne daß mein harmonieverwöhntes Publikum darob gezuckt hat. Ein halbwegs versierter Organist spielt das ganze Heft vom Blatt. Denn Schroeder war Praktiker genug, in die Finger zu komponieren. Die anderen müssen halt üben - und das nicht allzu heftig.

Noch einen Tick moderner kommen „Meditation und Variationen über O du fröhliche“ meines Lehrmeisters Franz Lehrndorfer daher. Er arbeitet schon etwas stärker mit Sekundreibungen und harmonischen Ausweitungen. Aber es bleibt immer „fröhlich“ - und nicht sonderlich schwer, wenn sich die Finger an ein paar harmonisch gewagte Griffe gewöhnt haben. Lehrndorfer plaudert munter aus dem Nähkästchen seiner Improvisationstechniken und zeigt, „wie man’s macht“. Erschienen ist das Heft im Jubilate-Verlag, Eichstätt, Verlagsnummer RM 1001.

Wer noch ein richtig großes Weihnachtsstück sucht, ohne sich wochenlang ins Trainingslager zurückziehen zu wollen, dem rate ich zu Max Drischners Choralfantasie „Vom Himmel hoch, da komm ich her“. Ein flüssiges, fugiertes Präludium über die Kopfzeile lebt vom Kontrast zweier (noch besser dreier) Manualplena. Der Mittelteil ist eine Pastorale mit eingebettetem Choral (Registriervorschrift: „Vox humana“ - akkordisch - also ein fast französisch-sinfonischer Effekt. Immerhin schrieb Drischner das Werk für seine Orgel im schlesischen Brieg, ein dreimanualiges Instrument des Barockorgelbauers Engler.) Zum Schluß ein locker gebauter Konzertsatz, an dem man etwas üben muß, weil er ein straffes Tempo braucht und der c.f. in Diskant-Oktaven legatissimo über dem Gewühl der Figuration stehen muß. Einzige rhythmische Schwierigkeit sind Diskant-Triolen gegen Pedal-Duolen in den Schlußtakten. Ein sehr wirkungsvolles, handwerklich solides Stück, erschienen bei Schultheiß, Tübingen, dessen Sortiment auf Thomi-Berg übergegangen ist.


Andreas Rockstroh hat bei Butz eine Reihe mit romantischen Choralvorspielen und Bearbeitungen zu den bekanntesten Advents- und Weihnachtschorälen herausgegeben. Bisher sind folgende Titel erschienen:
1.) Macht hoch die Tür/Es ist ein Ros’ entsprungen BU 1760
2.) Tochter Zion/Stille Nacht BU 1640
3.) Vom Himmel hoch, da komm’ ich her BU 1815
4.) Wachet auf, ruft uns die Stimme/In dulci jubilo BU 1876
5) O Sanctissima (O du fröhliche) BU 1587
Offenbar hat der Herausgeber Zugriff auf einen riesigen Fundus von Sammlungen der Jahrhundertwende - und er hat einen ausgezeichneten Riecher für die Trüffel aus diesen Anthologien. Jeder Band enthält jeweils um die 20 Bearbeitungen der genannten Choräle. Und da ist für jeden Spieler und jeden Anlaß etwas dabei: Von der „vom-Blatt“-Intonation mit 16 Takten bis zur mehrseitigen „Konzertfantasie“ à la Reger oder Karg-Elert. Das Autorenverzeichnis belegt, dass „unbekannt“ nicht gleich „unbedeutend“ sein muss. In der Zeit zwischen 1870 und 1930 ist in Deutschland wohl mehr handwerklich solide, bisweilen wirklich originelle Orgelmusik komponiert worden als bisher angenommen. Die große Mehrzahl der Stücke dürfte in keiner anderen modernen Ausgabe am Markt sein - und wenn, dann nicht in der EG- oder GL-Tonart. Aber auch daran hat Rockstroh gedacht: Viele Praktiker haben nicht mitgemacht beim „Tieferlegen“ mancher Weihnachtschoräle von F nach Es oder von D nach C und spielen weiter aus den alten Choralbüchern. Sie finden Stücke in „alter“ und „neuer“ Tonart. Bd. II bietet z.B. „Tochter Zion“-Bearbeitungen in D, Es, F und G an. Man kann also seine Introduktion jeder Gemeinde und jedem Chor anpassen. Mir machen die fünf Bände Freude, seit es sie gibt. Ich finde immer noch etwas, um meine Gemeinde damit (hoffentlich angenehm) zu überraschen. Und ich wünsche mir, dass der Herausgeber weiter nach Trüffeln schnüffelt. Übrigens ist auch das Preis-Leistungsverhältnis - im Vergleich zu anderen Verlagen - äußerst stimmig. Da nehme ich gern in Kauf, dass die relativ dicken Bände nur Klammerheftung und einen recht dünnen Deckel haben - und man einigen Notensatzspiegeln ansieht, dass sie etwas gestaucht wurden, damit sie noch auf die Seite passen.

Rockstroh zeichnet auch für die Neuausgabe von „Vier Weihnachts-Festfantasien op. 104“ des ostpreußisch-schlesischen Spätromantikers Max Gulbins bei Butz verantwortlich (BU 1598). Der Schwierigkeitsgrad der vier Fantasien ist sehr unterschiedlich: „Vom Himmel hoch“ ist ein breit strömendes Präludium im Stil Mendelssohns und mit wenig Aufwand zu machen. „Stille Nacht“ ist eine ruhige Pastorale, die von weichen Farben und einer schönen Soloflöte lebt - sie macht kaum Mühe. Bei „O du fröhliche“ geht es schon etwas zur Sache. Die Fingersätze für die durchlaufenden Sext- und Terzparallelen in der l.H. wollen mit Sorgfalt erarbeitet sein, denn sie müssen in sauberstem Legato und in flüssigen 16teln perlen. Der „feierliche Marsch“ über „Tochter Zion“ schließlich sieht im Notenbild nicht nur aus wie Reger oder Karg-Elert, er erreicht auch durchaus diesen Schwierigkeitsgrad. Dafür macht er aber enorm was daher und ist nicht allzu lang (so um die vier Minuten).

Wem Bachs Pastorale zu „abgenutzt“, die gleichnamigen Opera anderer Meister zu „terzenselig“ sind, dem rate ich zu den „Drei Pastoralen über Weihnachts-Choräle op 7“ von Alfred Grundmann (1857 - 1939) als Reprint der Originalausgabe erschienen - na, wo wohl - richtig, bei Butz (BU 1391).
Harmonisch und motivisch geht es in den Bearbeitungen von „In dulci jubilo“, „Vom Himmel hoch“ und „Quem pastores laudavere“ („Den die Hirten lobeten sehre“) ganz schön zur Sache. Dennoch hält sich der Übestress in Grenzen. Allein schon wegen der alten Tonarten sind die Stücke reine Sololiteratur - von der Sorte, bei der die Gemeinde garantiert aufhorcht, wenn man die harmonischen „Überraschungseier“ der Partitur in entsprechend gepolsterte „Klangnester“ legt.

Herbert Paulmichl, bestens ausgewiesen als erfahrener Praktiker, hat bei Böhm & Sohn, Augsburg, eine schöne Partita über „Als ich bei meinen Schafen wacht’“ veröffentlicht. Und er hat als Zugabe einen wohlklingenden und effektvollen Chorsatz fürs „Alternatim“-Musizieren draufgesattelt. Paulmichls Vorliebe für kanonische Formen und c.f.-Durchführungen in den Mittelstimmen feiert (im wahren Wortsinn) fröhliche Urständ’. Musik zum Zurücklehnen, Zuhören und Schönfinden, sogar der Organist darf sich entspannen. Denn die kurzen Sätze sind nicht übermäßig schwer.

Wenn wir schon bei Paulmichl sind - hier noch eine Partita über „O du fröhliche“. Es gibt sie - wieder mal - bei Butz (BU 1014). Die zehn Variationen sind äußerst leicht und auf allem zu machen, was Tasten hat. Sogar das Pedal ist entbehrlich. Und bei aller Einfachheit ist es trotzdem richtig schöne, handwerklich solide, verspielte weihnachtliche Musik

Paulmichl hat ja jede Menge Arbeiten zum kath. GL veröffentlicht, und zwar gleich mehrbändig in drei Verlagen: bei Doblinger/München-Wien, Butz/Sankt Augustin und pro Organo/Leutkirch.
„Orgelbüchlein“ nennt sich die auf 9 Hefte angewachsene Sammlung bei Doblinger. Die Hefte 1 (02361) und 9 (02404) enthalten Vorspiele zu Advent- und Weihnachtsliedern. Ich finde, es sind Paulmichls stimmigste Beiträge zum Genre Choralvorspiel. Da spürt man - neben allem handwerklichen Können - auch etwas „Herzblut“. Und Paulmichl hat sich als langjähriger Orgellehrer in „einfachen Verhältnissen“ auch ein Herz für die Kollegen bewahrt, die nicht über die „kleine Eignungsprüfung“ hinausgekommen sind. Er liefert ihnen stimmige, freudige, niemals seichte oder sentimentale Weihnachtsmusik. Beispiel: drei Partiten über „Vom Himmel hoch“ in Heft 1. Da wird das Thema zeilenweise in einer Pedalsolo-16tel-Figur versteckt, dann jeweils von einem vollgriffigen Akkordsatz abgelöst. Das klingt - mit einem brillanten, festlich gestimmten Orgelplenum - nach richtig „großer“ Orgelmusik - und ist dabei wirklich einfach. (Als jemand, der selber gelegentlich ein paar Inventiones zu Chorälen zu Papier (resp. zu Mac) bringt, ziehe ich den Hut bis auf den Boden und sage: Respekt! So einfach zu schreiben, ist alles andere als einfach.) Dann kommt eine Pastorale in wiegendem 6/4-Takt mit c.f. im Tenor. Und zum Schluß läuft der c.f. als Oktavkanon in Baß und Diskant gegen einen Kontrapunkt aus munteren Triolen in der l.H. Und das alles ist spielbar für jemanden, der die Begleitsätze aus dem Choralbuch hinkriegt!
Heft 9 griff wohl die Weihnachtsthematik wieder auf, weil es erhebliche Nachfrage gab. Daraus sei die Trilogie über „Nun freut euch, ihr Christen“ (für Lutherische: „Herbei, o ihr Gläub’gen“) hervorgehoben: Einleitendes Trio mit c.f. in der Mittelstimme, Pastorale mit verspielten Echos, vierstimmiges „Wiegenlied“ mit c.f. im Tenor.

Bei Butz heißt die Paulmichl-Reihe „Das liturgische Jahr“ und die Advents- und Weihnachtsstücke stehen im Heft 1 (BU1119). Dem Vorwort zufolge handelt es sich um Studien, die aus der Unterrichtspraxis am Bozener Konservatorium erwachsen sind. Das ist an einigen Stellen zu spüren. Denn mancher Kontrapunkt ist vom Regelwerk „an die Leine gelegt“. Und die zweistimmigen Bicinien sind z.T. spieltechnisch schwieriger als Dreistimmiges aus den Doblinger-Heften. Dennoch enthält das Heft ein paar wirklich nette Sachen, u.a. ein anmutiges Trio über „Es ist ein Ros’ entsprungen“ - leider „tiefergelegt“ nach Es-Dur. Ich hab’s für meinen eigenen Gebrauch nach F „erhoben“, weil es einfach ein traumhaft schönes Vor- oder Nachspiel zum einschlägigen Prätorius-Chorsatz abgibt.

Von Paulmichls pro-Organo-Heften besitze ich nur Heft 4, Advent/Weihnachten ist in Heft 1. Aber ich gehe mal davon aus, daß der Maestro Compositore da seiner Linie treu geblieben ist. Die Reihe hat übrigens ein mustergültiges Notenbild: groß, übersichtlich und mit ausgezeichneter Proportionalteilung der Notenzwischenräume (schlechte Spationierung ist das häufigste Manko in PC-Notensatzprogrammen).

Zwei dicke Hefte von Butz ersparen einige Wühlarbeit im Notenarchiv:
„Ein Kind ist uns geboren - Orgelmusik für die Advents- und Weihnachtszeit aus dem 19. bis zum 20 Jh.“, hg. von Dr. Wolfgang Bretschneider als BU 1397, bietet auf 95 Seiten 40 sorgfältig ausgewählte Titel, die man sich sonst aus mindestens 20 Einzel- und Gesamtausgaben zusammensuchen müßte - wenn sie überhaupt am Markt sind. Nur ein paar Auszüge auf die Schnelle: Ein Marsch von Aléxandre Guilmant über Händels „Hoch tu Euch auf ihr Tore der Welt“ aus dem Messias; lebhafte Fuge in f-moll im Mittelteil, mit eingearbeitetem Motiv; am Schluß sehr vollgriffig; ein sich von pastoraler Stille zu ungemeiner Rasanz entwickelndes Konzertstück, das geübt sein will. Ein paar kleinere Regers aus op 67 - „Wachet auf“, „Vom Himmel hoch“, Wie schön leuchtet der Morgenstern“ und - aus op. 145 - „Weihnachten“. Dann die üblichen Sachen aus den verbreiteten Choralvorspielbänden - Walther, Zachow, Buxtehude, Böhm - aber vom Herausgeber bewußt als „Literatur“ verstanden und deshalb in den (durchweg höheren) Originaltonarten. Eine schöne Erweiterung des barocken Repertoires: einige Choralbearbeitungen des Darmstädter Kapellmeisters Christoph Graupner, vom Hg. aus Kantatensätzen für Orgel bearbeitet - im Stil der Bach’schen Schübler-Choräle, aber längst nicht so schwierig. Zum Schluß noch ein Schmankerl: eine Orgelbearbeitung von Händels „Denn es ist uns ein Kind geboren“ von Henry Smart; nur was für geländegängige Hände, aber very british.

Der zweite Band (BU 1703) konzentriert sich auf Bearbeitungen der Romantik. Da Romantik ja gerade „angesagt“ ist, tun sich die Herausgeber von Sammlungen mit der Raritätenfindung da schon etwas schwerer. Einige Choralvosrpiele von Oechsler, Grundmann, Lang, Forchhammer, findet man auch in den „halboffiziellen“ Sammlungen zum EG, - in den „angepaßten“ Tonarten. Aber es findet sich durchaus Originelles - so z.B. „Venite Adoremus“ von L. J. Lefébure-Wely, ein dreiteiliger Variationszyklus über das bekannte „Herbei, o ihr Gläub’gen“ in des Meisters populärem und eingängigem „Salonorgel-Stil“. Dasselbe Thema liegt einem technisch und inhaltlich etwas anspruchsvolleren Guilmant-Offertoire aus dessen op. 60 zugrunde. Eine wirkliche Repertoire-Bereicherung ist eine Orgelbearbeitung des Herausgebers: Bretschneider hat aus dem Orchesterpart eines „Weihnachtssingens der Augsburger Singschule“ von Otto Jochum und Albert Greiner ein sehr stimmungsvolles Vorspiel über „Stille Nacht“ arrangiert. Um der Praxistauglichkeit willen gehörte es allerdings nach B-Dur transponiert. Denn die „Ruh“ ist alles andere als „himmlisch“, wenn der weibliche Teil der Gemeinde sich im C-Dur-Begleitsatz nach dem hohen F strecken muß (die Männer haben schon beim D aufgegeben).
Wenn man bedenkt, daß beide Bände zusammen keine 50 Euro kosten und man dafür fast 200 Seiten mit ca. 70 (mit moderatem Aufwand machbaren) weihnachtlichen Stücken aus allen wesentlichen Stilepochen kriegt, dann ist allein das Preis-Leistungsverhältnis ein äußerst stimmiges.

„Forty Christmas Preludes for Organ“, erschienen bei Kevin Mayhew, ISBN 0-86209-567-0. Mit viel Klangsinn gemachte Bearbeitungen angelsächsischer „Carols“ der aus anderen Mayhew-Bänden bekannten „Hauskomponisen“ des Verlages. Da die meisten Choräle nicht in deutschen Gesangbüchern stehen, sind die Stücke - selten länger als eine Doppelseite - sehr gut als „Literatur“ zu verwenden, die sonst garantiert kein Kollege im Radius von 50 Kilometern im Repertoire hat. Stilistisch gibt es von Barock-Stilkopien und c.f.Bearbeitungen im Trio oder Quattuor über spätromantische Klangschwelgereien bis zu behutsam gesetzten Modernismen eine immense Bandreite - also für jeden Geschmack und (fast) jede Orgel was dabei. Das meiste ist nicht schwer zu spielen und beim Rest lohnt die Mühe des Übens. Die ideale Orgel braucht satte Grundstimmen, weiche Flöten und mindestens eine schöne Solozunge für die allfälligen Tenordurchführungen.

Dasselbe gilt auch für den Mayhew-Band „Christmas Preludes“, ISBN 1-84003-625-7, mit 48 Choralbearbeitungen identischen Strickmusters. Darunter eine bezaubernde Meditation über „Stille Nacht“, um das meine drei Heiligabend-Gemeinden nicht umhin kommen werden, wenn die hohe Geistlichkeit sich dazu durchringen kann, diesen umstrittenen Cantus singen zu lassen. (In einer bestimmten Generation der ev. Pfarrerschaft - und in der mit dem Geburtsdatum zusammenhängenden theologischen Prägung - gilt das Lied immer noch als textliche und melodische Katastrophe. Was es ja auch ist, mit messerscharfer fundamentaltheologischer und musikwissenschaftlicher Ratio betrachtet. Aber das sind Denkkategorien, die dem weihnachtlich gestimmten „Gelegenheitstäter“ - und er ist in diesen Gottesdiensten in der Überzahl - weitgehend abgehen. Und mir steht es nicht an, ihn im einzigen - oder in einem der wenigen - Gottesdienste, die er im Jahreslauf besucht, zu schulmeistern.) Zurück zu besagtem Stück: farbige Harmonik, ein kleines Fest für die Streicherschwebung, über der eine perlende Soloflöte (aber bitte mit Sahne, bzw. Tremulant!) ihre Tongirlanden tiriliert. Und wer da glaubt, Blut, Schweiß und Tränen investieren zu müssen, der irrt gewaltig. Das Stück geht vom Blatt. Positivst aufgefallen ist mir auch eine wohklingende, farbige Bearbeitung über „Adeste fideles“ - eine weich wiegende Pastorale mit Bicinium für prickelnde 8’+1’-Mischung im Mittelteil.
Last, not least: Beide Bände zeichnen sich durch ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis aus (knapp 25 Euro pro Stück). Die spezialisierten Internet-Musikalienhandlungen haben eigentlich kaum noch Mühe, die Noten über den Kanal zu schaffen. (Mein Mayhew-Hoflieferant ist mmz, aber musia hat diesen Verlag m.W. auch im Sortiment. Jedenfalls habe ich die Bände fünf Werktage nach der Bestellung erhalten - obwohl mmz immer vorsichtshalber darauf verweist, sie hätten mindestens 14 Tage Lieferzeit für derlei Exotisches.)
Wer sich einen der Bände zulegt, wird es sicher nicht bereuen.

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