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Kirchenmusik

 

Trauer braucht Rituale

Von der Schwierigkeit des musikalischem Gedenkens
 

von Dietrich Lohff

 

 

    Wenn wir trauern, verschlägt es uns die Sprache. Formeln und Worthülsen, die uns die Alltagssprache zur Verfügung stellt und die wir allzu oft benützen, wo Schweigen besser wäre, erscheinen jetzt vielen nicht nur leer sondern angesichts des Ausmaßes dieser Katastrophe geradezu zynisch. Wir sind fassungslos und in Anbetracht des Grauens trauen wir unser Sprache nicht mehr zu, das auszudrücken, was uns bewegt.

 

    Wir erleben die pausenlose Geschwätzigkeit der Medien. Und während gezeigt wird, wie Menschen sich in die Tiefe stürzen, laufen am unteren Bildrand die Börsenkurse.

 

    Wir sehen die Moderatoren der Privatsender, denen ihr quotenbringendes Lächeln immer noch nicht abhanden gekommen ist und müssen die ständige Wiederholung der immer gleichen Bilder ertragen. Abschalten können wir nicht, denn wir wollen wissen, was geschieht, auch wenn es unerträglich ist, das verzweifelte Winken aus den brennenden Türmen immer und immer vorgeführt zu bekommen.

 

    Im Internet gibt es mehrere hundert Angebote von skrupellosen Menschen, die angeben, so teilte das Internet-Auktionshaus Ebay mit, „von Trümmerteilen über Videofilme bis hin zu Kalendern oder Büchern alles zu verkaufen.“

 

    In diesem Chaos der Gefühle, in dieser Mischung aus Angst, Wut und Hass, in diesem Durcheinander von Trauer, Verzweiflung und Resignation brauchen wir Musik.

 

    Musik beginnt, wo Sprache aufhört. Sie kann das artikulieren, was wir nicht sagen können. Musik kann beruhigen und sie schenkt uns, während wir uns ihr ausliefern,  die Zeit, um uns in uns zurecht zu finden. Aber es muss die richtige Musik sein.

 

    Deshalb muss man sehr sorgfältig mit ihr umgehen, wenn ihr das gelingen soll. Nicht immer war da eine glückliche Hand am Werk. Am Sonntag wurde aus der Berliner Philharmonie im Rundfunk und im Fernsehen ein Konzert übertragen, zu dem sich drei Berliner Orchester zusammen getan hatten.

 

    Das Programm wurde eröffnet mit dem Vorspiel zu Wagners Tristan und Isolde und Isoldes Liebestod. Ich glaube nicht, dass man gut beraten war, auf Werke des kulturellen Repertoires zurück zu greifen. Isoldes Liebestod zum Gedenken an den Tod von 5000 unschuldigen Menschen? Voll daneben ist auch daneben.

 

   Vor Jahren erschien in der ZEIT eine philosophische Glosse von Günther Anders. Anders polemisierte damals gegen ein sogenanntes Event: ein berühmter Dirigent hatte mit einem berühmten Orchester Musik von Gustav Mahler aufgespielt, nicht um der Spielfreude willen, sondern gleichsam im Ernst. Das sollte ein Akt des Gedenkens für die unter der Herrschaft des Nationalsozialismus ermordeten Juden sein. Ich glaube Andres schrieb, es wäre eine „Verbiederung“, mit überkommenen kulturellen Gesten auf den Massenmord zu reagieren. Man würde die Ungeheuerlichkeit des Geschehens im Kunstgenuss verschwinden lassen. (Die ZEIT vom 23. 9. 1999)

 

    Ist bei der Planung des Berliner Konzertes denn niemand auf die Idee gekommen, dass es eine besondere Form der Solidarität gewesen wäre, Musik amerikanischer Komponisten wie Barber, Bernstein oder Copland zu spielen. Besonders von Leonhard Bernstein gibt es Werke, die sich für einen solchen Anlass geradezu aufgedrängt hätten. Hätte man nicht an seine 1. Symphonie „Jeremiah“, an seine 2. Symphonie „age of anxiety“, an seinen Kaddish oder an die “Chichester Psalms” denken können. Es wäre ein deutliches Zeichen von Respekt vor der amerikanischen Kultur gewesen, einer Kultur, die dieses Land mit Sicherheit  hat, auch wenn manche das bezweifeln.

 

    Das gedankenlose Musizieren von Repertoirestücken ist ein Zeichen kultureller Hilflosigkeit. Im Dom zu Speyer gab man das Requiem von Verdi, bei freiem Eintritt, damit jeder Trost in der Musik suchen könne. So jedenfalls wurde es im Rundfunk angekündigt. In der Heidelberger Heiliggeistkirche gab man sich mit einer Nummer kleiner zufrieden, dort gab man das Requiem von Mozart.

 

    In den Texten des Requiems gibt es jedoch wenig Raum für Trost. In seinem Zentrum steht mit dem „Dies irae“ eine gnadenlose Schilderung des jüngsten Gerichts. Mit allen Mitteln musikalischer Kunstfertigkeit soll der armen Sünderseele Angst vor der Höllenpein gemacht werden. Der Rest des Requiems ist ein Flehen um Gnade und Erbarmen.

 

    Sicher ist ein Requiem eine besondere Form des Gedenkens an Verstorbene. Aber ein Requiem wird immer sprachlos bleiben gegenüber den Umständen, denen die Verstorbenen zum Opfer gefallen sind. Es bleibt also zweifelhaft, ob die Aufführung eines Requiems (Verdi und Mozart sind da austauschbar) eine glückliche Entscheidung war, um die Ungeheuerlichkeit des Geschehens musikalisch fassbar zum machen. Denn dies kann gar nicht gelingen.

 

    Es gibt im deutschen Requiem von Brahms jenes tief ins Herz gehendes Sopransolo: „Ihr habt nun Traurigkeit“. Und dann gelangt die Musik zu der Stelle, in der es heißt. „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“.

 

    Das ist einer der ganz seltenen Momente, wo die Musik im Augenblick ihres Erklingens wirklich zum Trost wird. Aus den Worten Jesajas und aus der über-irdischen Schönheit der Brahms´schen Melodie bezieht diese Musik  ihre Kraft, seelischen Schmerz wirklich zu lindern. Es gibt wenige Werke, die eine solche Überzeugungskraft haben. Deshalb muss man gewissenhaft nach ihnen suchen.

 

    Auch Gottesdienste brauchen Musik, besonders Gedenkgottesdienste. Es gab Gemeinden, denen wurde tatsächlich dieses läppische Kinderlied „Gib uns Frieden jeden Tag, lass uns nicht allein“ zugemutet. Das zeigt aber auch, dass wir nur ganz wenige Lieder haben, die textlich und musikalisch diesem furchtbaren Anlass gewachsen sind.

 

   Mit Widerwillen stellt man fest, dass in vielen Gemeinden sich zu Bonnhoeffers „Von guten Mächten“ diese alle schmerzlichen Textstellen wegbanalisierende Melodie von Wolfgang Fietz durchgesetzt hat. Da wünscht man sich die Zeiten zurück, als der Kantor noch die Auswahl der Lieder für den Gottesdienst bestimmen durfte.

 

    Musik sollte den Worten den emotionalen Raum geben, den sie zur intensiveren Wirkung brauchen. Die beiden Gottesdienste, also der vom Mittwoch in Berlin und der vom Freitag aus Düsseldorf waren gerade wegen ihrer musikalischen Schlichtheit so eindrucksvoll.

 

    Kirchenmusiker sind im Umgang mit Kunst ausgebildet worden. Und sie werden sich mehr immer als Künstler, also als Dirigent oder Orgelvirtuose fühlen als irgend etwas anderes. Das ist ihr Selbstverständnis. Sie haben nirgends gelernt, wann es Sinn macht, sich selbst zurück zu nehmen und auf Kunst zu verzichten.

 

    Gerade dies war so wohltuend an diesen beiden Gottesdiensten. In der Berliner Hedwigskathedrale sang ein Chor gregorianische Choräle und in Düsseldorf spielte ein Blechbläserensemble Gemeindechoräle. Mehr nicht und das war gut so.

 

   Beim Berliner Gottesdienst erklangen zwei Orgelwerke von Bach. Einer der zwei Orgelchoräle war der Passionschoral  „O Mensch, bewein dein Sünde groß“. Als gesungenes Lied wäre das sicher unpassend gewesen. Im 18. Jahrhundert hätte jeder Gottesdienstbesucher den Liedtext gekannt und Bachs Kunstfertigkeit verfolgen können. Heutzutage schafft die berückende Harmonik und die weitgeschwungen Melodie dieses Orgelstücks eine wunderbares Oase der Ruhe. Da mag es nicht stören, dass der Text dieses Gesangbuchlied kaum jemandem gegenwärtig ist.

 

    Musik kann viel. Sie kann aber nicht alles. Und wir sollten uns vorher vergewissern, was sie kann und was nicht.  Sonst kann schon die Auswahl von Musik peinlich sein. Wir müssen in den Medien schon soviel Torheit aushalten, da sollten wir mit Musik vorsichtiger umgehen. Wir Musiker haben da mehr Verantwortung als plappernde Moderatoren, die es nicht besser wissen.

 

    Vor wenigen Tagen war die amerikanische Schriftstellerin Susan Sonntag in Berlin zu Gast. Sie schloss ihre Lesung, bei der sie mit ihrem Land hart ins Gericht ging, mit einem bedenkenswerten Satz. „Wir können zusammen trauern, aber wir dürfen nicht zusammen verdummen.“

 

 

  

Der Autor dieses Artikel lebt in Heidelberg und ist Komponist, besonders von Kirchenmusik. Bekannt wurde sein „Requiem für einen polnischen Jungen“, das seit seiner Entstehung vor drei Jahren inzwischen 30 Aufführungen erlebt hat.

 

 

 

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